Das Viertelfinale im Überblick

EURO-Tagebuch

Tag 25: Volle Hosen, kontrollierte Offensive und das Ende eines Hypes

Das Viertelfinale der EM bot uns das gesamte Spektrum des Fußballs. Eine kleine Analyse.

Portugal – Polen

Diese Partie gehörte zu denen, die im Moment überproportional im Fußball unserer Zeit zu finden sind. Eine Feier für Taktik-Fans, grausam für den großen Rest. Wäre Fußball schon immer so gespielt worden, er wäre nie so populär geworden.
Von dieser modernen Variante gibt es zwei Ausführungen: bei der einen fallen keine Tore, weil sich beide Teams nur belauern und extrem die Hosen voll haben, ein Tor zu kassieren. Bei der anderen fällt – beinahe aus Versehen – ein Tor. Die Mannschaft, die den Treffer erzielt hat, zieht sich dann sofort zurück und lauert nur noch auf Konter. Die andere Mannschaft gibt Gas, bis sie den Ausgleich erzielt hat. Danach haben beide Teams wieder soviel Angst, dass es wie bei Ausführung 1 weitergeht.

Das Gemeinsame beider Versionen: man kann so etwa nach 30 Minuten den Fernseher aus- und nach etwa anderthalb Stunden wieder einschalten. Nämlich zum Elfmeterschießen. Denn Verlängerungen bringen inzwischen alles andere als das Suchen nach der Entscheidung. Ausscheiden nach Elfmeterschießen scheint den meisten Spielern irgendwie schöner zu sein. Man kann an Unglück, Tragik etc. appellieren.

Wales – Belgien

Erfrischend, weil nicht in taktische Zwänge eingebunden. Zugegeben: zwei naive Teams standen sich da gegenüber. Aber gerade deswegen war es ein tolles Spiel. Die Belgier, mit den besseren Einzelspielern ausgestattet, mussten lernen, dass sie keine Mannschaft sind. Im Gegensatz zu Wales, dessen einziger Superstar Gareth Bale sich perfekt in das Team einfügt. Schön zu sehen, dass man damit weit kommen kann.

Deutschland – Italien

Die Klassiker leiden so ein bißchen unter der Krankheit, wie bei Portugal – Polen beschrieben. Aber man muss beiden bescheinigen, dass sie doch etwas mehr die Entscheidung gesucht haben, auch in der Verlängerung. “Kontrollierte Offensive” nannte das Otto Rehhagel einmal. Und so sehr wir Elfmeterschießen doof finden – dieses hatte hohen Unterhaltungswert. Nicht nur dass Fortuna sich irgendwie nicht entscheiden mochte. Interessant waren auch die verschiedenden Schuss-Varianten. Den Preis für die bescheuertste bekommt der Italiener Zaza: ein Anlauf wie bei einer Figur aus der “Augsburger Puppenkiste” und dann voll drüber gezimmert. Der 2. Preis geht an Pellè: den Torhüter mit Ankündigungs-Gesten zu provozieren, um den Ball dann Meter weit daneben zu bolzen – das hatte auch viel Schönes. Wann wird Hochmut – im Fußball wie im Leben – schon einmal so direkt bestraft?

Frankreich – Island

Auch ein Langweiler, aber immerhin mit ein paar Toren. Für Island-Sympathisanten natürlich bitter, aber irgendwann musste es ja passieren. Und irgendwie muss man der “Equipe Tricolore” auch wieder dankbar sein, denn der Island-Hype von Leuten, die von Fußball null Ahnung haben, war kaum noch zu ertragen.

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