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EURO-Tagebuch

Tag 16-18: „The Games Can Go On“…

Belgien2aAn Tag 15 konstatierten wir ja, dass das Turnier noch nicht angefangen habe und warfen die Frage auf, ob es das eventuell gar nicht mehr tun wolle. Und dass man den Wettbewerb dann ja eigentlich auch abbrechen könne – EURexit quasi. Seitdem reißen sich die Teams allerdings am Riemen – ein paar jedenfalls.

Die „11 Freunde täglich“, die derzeit dem „Tagesspiegel“ beiliegt, beschwerte sich gerade über diejenigen Fußballgucker, die der EURO 2016 bislang ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Der Sieg von Portugal über Kroatien z. B. sei doch schließlich eine taktische Meisterleistung gewesen. Dass die Mannen um Ronaldo (der diesmal wahrlich nicht schuldig war) den Siegtreffer mit ein bisschen Glück und vier Minuten vor Ultimo erzielten – geschenkt. Ansonsten hätte sie ihre Taktik ins Fifty-Fifty geführt, das 11m-Schießen – so brillant kann’s also auch nicht gewesen sein. Ganz davon zu schweigen, dass „11 Freunde täglich“ in den vielen anderen Beiträgen der Auffassung, das Turnier biete gute Unterhaltung, selbst widerspricht.

Wie auch – unsere „EURexit“-Drohung verfehlte jedenfalls ihre Wirkung nicht. „Ausgerechnet“ die Vertretungen dreier EU-Gründungsstaaten – jawohl – sorgten für erste Aha-Effekte. Und die erste vermeintliche Sensation gab es dazu. Deutschland spielte die Slowakei ohne große Mühe vom Platz, Belgien brauchte eine Weile, um seine Überlegenheit gegen die Ungarn in das entsprechende Ergebnis umzumünzen. Und dann noch die Italiener: düpierten den Titelverteidiger aus Spanien mit einer offensiven ersten Halbzeit und widerstanden dessen müden Angriffsaktionen im zweiten Durchgang. Da haben drei der (Geheim-)Favoriten schon mal Farbe bekannt.

Dumm nur, dass zwei davon bei Italien-Deutschland nun direkt aufeinandertreffen. Die Bilanz der beiden Teams bei Turnieren ist hinlänglich bekannt – das verbale Säbelrasseln von Jogi Löw & Co. dürfte den Italienern daher nur ein müdes Lächeln abgerungen haben. Da stellt sich eher die Frage, ob derart öffentliches Pfeifen im Walde nicht vor allem die eigene Moral unterwandert. Sprüche mit „kalter Kaffee“ oder „Espresso“ bzw. dass die deutsche Abwehr bisher weniger zugelassen hat als die ach so tolle der Italiener bzw. es gibt kein Problem gegen die Azzurrri – all das ist ebenso uninteressant wie unnötig. Wie in keinem anderen Duell heißt es für die deutsche Auswahl nun einfach: bringt’s endlich auf den Platz. Da muss man gegenüber dem Slowakei-Spiel sicher noch was draufpacken. Einziger eventueller Nachteil Italiens: gegen Spanien wurde extrem kraftraubend agiert, der hohe Altersdurchschnitt könnte sich nun auswirken. Vielleicht aber auch erst im Halbfinale gegen Frankreich – so hat sich’s ja Michel Platini zumindest nach unseren Informa… na gut, Vorstellungen, vorher ausgerechnet.

Und da war ja noch Island, das enttäuschende Engländer relativ problemlos nach Hause schicken konnte. Angesichts der dürftigen Darbietung der Three Lions stellte sich auf einmal eher die Frage, ob nicht eigentlich Rooney & Co. die Außenseiter dieser Partie waren – angesichts ihrer über Jahrzehnte gewachsenen K.O.-Phasenphobie, gepaart mit dem chronischen Erschöpfungssyndrom englischer Kicker am Ende der Saison. Beim Public Viewing kannte man jedenfalls kein Pardon – man hielt es nicht nur mit dem (vermeintlichen) Außenseiter, der ja gerade auch von den Medien zusätzlich total „gehypt“ wird. Natürlich wurde sich traditionell über Englands sportlichen Misserfolg amüsiert, bisweilen sogar noch extra befeuert durch die vermeintliche Kränkung wegen des just vollzogenen Brexit.

Dabei kann man sich ja einfach auch mal Fußball angucken und muss es nicht zwangsweise mit einer der spielenden Mannschaften halten. Oder Politik und Persönliches rauslassen. Aber die Wege des Public-Viewing-Gasts sind unergründlich. Schönes Beispiel: das „Taktikmeisterwerk“ Portugals gegen „Geheimtip“ Kroatien. Totenstille und vereinzelte „Sch…“-Ausrufe beim späten Führungstreffer der Iberer, ebenso nach dem Abpfiff. Fest stand: Kroatien-Fans waren hier nicht anwesend – aber alle dagegen, dass Ronaldo weiterkommt.
Belgien2a

Foto: press-schlag.de

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