Michel und der Modus: Jetzt haben wir’s kapiert…!

EURO-Tagebuch

Tag 12: Zeit für eine Verschwörungstheorie…

Die Vorrunde der erstmals mit 24 Teams ausgetragenen Europameisterschaft 2016 neigt sich dem Ende zu. Im Vorfeld wurde viel kritisiert: etwa über den Wert einer Qualifikation, wenn sich am Ende fast die Hälfte aller teilnehmenden Verbände für die Endrunde „durchsetzen“. Und den Wert eines Turniers, bei dem nach 36 Spielen in der Vorrunde lediglich ein Drittel der Qualifizierten (also 8 von 24) auf der Strecke bleiben.

Dieser Regelung ist nun zu verdanken, dass Fußballfans europa-, wenn nicht weltweit, den Rechenschieber auspacken und versuchen, ihr Wissen im Gespräch mit anderen zu einem Puzzle zusammenzufügen. „Was geht vor: Torverhältnis oder direkter Vergleich?“ (offenbar Letzteres) ist so eine Frage. Und dass Mannschaften mit drei Punkten – die also entweder zwei von drei Vorrundenspielen verloren und eines gewannen, oder gleich gar keins und dreimal die Punkte teilten – sich noch gute Chancen auf ein Weiterkommen ausrechnen dürfen, ist bei einem solchen Starterfeld und Modus eben nicht vermeidbar. Hurra-Fußball kann man da natürlich nicht erwarten – und so gab es denn auch viel zähe Fußballkost zu erleben.

Die vielen Außenseiter, die ihre Haut so teuer wie möglich verkauften und dabei frenetisch von ihren euphorisierten Fans angefeuert wurden, waren dabei eher ein Pluspunkt für die Veranstaltung – auch wenn sie oft eher hochklassiges Geschehen auf dem Rasen unterbanden. So ist es eben in dieser Konstellation mit 24 Mannschaften – glaube niemand, die UEFA wird aufgrund irgendwelcher Erfahrungen irgendwann wieder zum 16er-Modus zurückkehren. Wir werden uns daran und vermutlich noch viel mehr gewöhnen müssen.

Langsam kristallisiert sich also der Spielplan für die folgende K.O.-Runde heraus. Für Wales (und im Grunde England ebenso) schon mal ein Knaller, im Achtelfinale zu stehen. Auch Ungarn und Nordirland dürften mit dabei sein und sogar Island oder Schweden – das muss man aufgrund der aktuellen Lage in dieser Reihenfolge nennen – können sich noch Hoffnungen machen. Zwei Partien des Achtelfinals stehen dabei ja schon fest: Schweiz-Polen und… Italien-Spanien – ups! Zwei der Titelkandidaten treffen also schon sehr früh aufeinander und wer sich in dieser Partie durchsetzt, auf den wartet mutmaßlich Deutschland im Viertelfinale. Aus dem Quartett der allseits genannten Favoriten, zu dem natürlich auch noch Frankreich zählt, wird also im Halbfinale höchstens noch einer im Spiel sein. Ohne, dass der Gastgeber selbst einen davon rauswerfen musste.

Dem Modus ist halt ebenso geschuldet, dass auch zwei Gruppenerste gegen Zweite antreten müssen, während die anderen Sieger auf Dritte treffen. Dass eine dieser beiden Ausnahmen gerade die Italien- sowie die „Todes“gruppe D betrifft, mag man für Zufall halten. Wenn nicht jüngst ein prominenter Pensionär aus dem Nähkästchen geplaudert hätte, wie man Auslosungen ein bisschen nach den Vorstellungen der Organisatoren gestalten kann. Ex-FIFA-Chef Sepp Blatter war es, der orakelte, von derlei Machenschaften bei der UEFA – natürlich nicht bei der FIFA… – Kenntnis zu haben. So würden bestimmte Loskugeln vor der Ziehung im Kühlschrank deponiert, um sie von anderen unterscheidbar zu machen.

Man mag das alles nicht zu Unrecht für üble Nachrede eines suspendierten, gekränkten Ex-Bosses halten. Schaut man auf den Weg, den die drei Favoriten neben Gastgeber Frankreich zu gehen haben, könnte man aber schon auf den Gedanken kommen, dass dahinter zumindest ein ausgeklügeltes System steckt. Erinnern wir uns: als der damalige UEFA-Präsident Michel Platini die 24er-EM propagierte, hieß es vor allem, er verspreche sich davon die Stimmen der „kleinen“ Verbände. Anscheinend war er aber den Kritikern noch einen Schritt voraus: mit diesem Reglement und dem damit verbundenen Turnierverlauf könnte man schon die Chancen eines Teilnehmers noch erhöhen. In diesem Fall also Platinis Heimatland Frankreich.

Holt der Gastgeber also am Ende den EM-Titel, sollte man sich des inzwischen wie Blatter suspendierten Platini erinnern und ihm Dank sagen in Frankreich – auch, oder gerade weil er „seinen“ Triumph nicht mehr in Amt und Würden feiern kann.

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