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EURO-Tagebuch

Tag 6: Der Clown und der Schreihals

(c) by Hasso Nickelé Sportreporter haben es schwer. Die ganze Nation schaut ihnen bei ihrer nicht einfachen Arbeit auf die Finger. Umso professioneller sollten die Kommentatoren agieren. Tun viele aber nicht.

Der Sport hat im Nachrichten-Genre längst den Auftrag übernehmen müssen, für Emotionen zu sorgen (Insider-Fachbegriff: “Emotions”). Nun möchte man glauben, Nachrichten hätten schon ein großes emotionales Potenzial. Sieht man nicht in jeder Sendung zerbombte Häuser, weinende Menschen, Hurrikane?

Doch diese Phänomene gelten nicht als “Emotions”. “Emotions” sind Gefühle, die nichts kosten, kein schlechtes Gewissen machen und keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Da scheint der Sport genau die richtige Spielwiese zu sein.

(c) by Hasso Nickelé Deshalb liegen Kommentatoren wie Tom Bartels voll im Trend: beim Spiel Frankreich – Albanien war der ARD-Mann fast durchweg am Brüllen. Hätte ein Blinder die Übertragung der Partie verfolgt, hätte er den Eindruck eines hochdramatischen Spiels bekommen. War es aber nicht.

Bartels macht den Fehler eines jeden Schauspiel-Anfängers: er gibt von Beginn an Vollgas und nimmt sich damit jede Steigerungsmöglichkeit. Selbst Herbert Zimmermanns Radio-Reportage vom WM-Finale 1954, die anscheinend inzwischen das Vorbild für jeden (Fernseh!-) Reporter darstellt, beinhaltete ruhige Passagen. So kam es, wie es kommen musste: bei Frankreichs späten Toren hatte Bartels nichts mehr zuzusetzen: seine Darstellung unterschied sich in nichts von der Schilderung der vergebenen Chancen zuvor.

Niemand hat es etwas gegen eine dramatische Fußball-Reportage. Aber, lieber Herr Bartels, wir sind erfahrene Fußball-Gucker. Wir sehen schon, ob ein Spiel dramatisch ist oder nicht.

Übrigens verfügt der ARD-Kommentator in der höheren Stimmlage nur noch über einen klagenden Ton – denselben, der seiner ZDF-Kollegin Claudia Neumann vorgeworfen wird. Aber irgendwie muss wohl dem Zuschauer klar gemacht werden, dass er gerade an einem gannnnnz dramatischen Geschehen teilnimmt, koste es was es wolle. We are the heroes of our time.

Bartels gehört zu dem Heer der Sportreporter, die mal ganz gut waren, denen der Erfolg inzwischen aber zu Kopf gestiegen ist. Schade.

Das gilt für Steffen Simon nicht. Er war schon immer schlimm. Wie der WDR-Sportchef bei seinen Reportagen mit Namen umgeht, ist wirklich kaum zu ertragen. Bei Graziano Pellè hat er wohl den Apostroph falsch verstanden und so wurde “Pelé” daraus. Bei Behrami und Stancu gelang es ihm, während der Übertragung verschiedene Aussprache-Versionen anzubieten! Das hatte schon etwas Clowneskes.

Die Frage sei erlaubt: wenn man nicht weiß, wie ein Name ausgesprochen wird, warum geht man dann nicht zu einem Kollegen der entsprechenden Nation (der sicher nur ein paar Meter entfernt sitzt) und fragt ihn danach?

Da fällt Simon aber wohl ein Zacken aus der Sportchef-Krone. Lieber macht er es falsch. Da bleibt uns nur, noch einmal den FAZ-Kritiker Michael Hanfeld zu zitieren, der einmal befand: “Dieser Mann versteht nichts von seinem Beruf und dessen professionellen Maßstäben.”

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