TV-Kritik

Die Realität und das Drehbuch

Bei der Übertragung des Relegationsspiels zwischen Eintracht Frankfurt und dem 1. FC Nürnberg leistete sich ARD-Reporter Tom Bartels eine beispielhafte Verletzung des goldenen Journalisten-Grundsatzes “Dabei sein, aber nicht dazugehören”. Und liegt damit leider im Trend.

Eigentlich war alles geklärt: beim Frankfurter Marco Russ wurde eine Tumorerkrankung diagnostiziert. Russ wollte trotzdem im Relegationsspiel gegen Nürnberg antreten. Ärzte untersuchten den Spieler und gaben grünes Licht. So weit, so einfach – trotz der medizinischen Tragik.Tom Bartels 2

Tom Bartels und die ARD wollten sich damit aber nicht abfinden, schließlich schien hier doch eine schöne Story flöten zu gehen. Und so schaffte es Bartels, das Spiel ausschließlich aus Frankfurter Sicht zu kommentieren, ja fast ist man versucht zu sagen: aus der Sicht von Marco Russ. Und die Realität lieferte ihm jede Menge Stoff: Russ extra für das Spiel zum Kapitän gemacht, aufmunternde Spruchbänder im Publikum, ein Eigentor durch – natürlich – Russ und schließlich die Gelbe Karte für den Verteidiger, die eine Sperre für das Rückspiel bedeutete. Doch das war Bartels noch immer nicht genug. Er wünschte sich am Ende, dass Russ das Siegtor für die Eintracht erzielen möge. Lenkte dann aber vor Bedauern triefend ein mit den Worten, wir – jawohl: “wir” – schrieben ja nun einmal nicht das Drehbuch. Drehbuch. Alles klar?

Gut, dass die Nürnberger Mannschaft sich diese Reportage nicht anhören konnte. Sie hätte ihren Verdacht, hier werde auf schamlose Weise die Erkrankung eines Spielers instrumentalisiert, wohl doch nicht mit einer Entschuldigung zurückgenommen.

Bartels Reportage ist ein Musterbeispiel für einen Journalismus, der für einen kurzfristigen Effekt bereit ist, die Realität unmäßig aufzublasen. Wir dürfen gespannt sein, wie oft der Name “Russ” bei der Übertragung des Rückspiels am Montag genannt werden wird – obwohl der Spieler garnicht auf dem Platz steht.

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