Nach Ausschreitungen in Berlin und Hamburg

Die unendliche Geschichte

Radikalismus, Randale, Rassismus, Rowdytum

Aus aktuellem Anlass gilt es mal wieder, einen Blick auf die deutsche Fanszene, die Vereine und die Polizei zu werfen.

Gegenseitiges Feindbild?

Am Hamburger Hauptbahnhof kam es nach der Rückkehr von HSV-Fans vom Pokalspiel in Oldenburg zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Auslöser war ein angeblicher tätlicher Angriff eines Anhängers auf einen Polizeibeamten. Nach der Entscheidung, die Personalien des Fans aufzunehmen, wurden die Ordnungshüter von etwa 100 Personen u. a. mit Feuerwerkskörpern und Flaschen attackiert. Die Polizisten setzten Schlagstöcke und Pfefferspray ein. 13 Beamte wurden verletzt, 9 Personen in Gewahrsam genommen – die Zahl verletzter Fans ist uns nicht bekannt.

Problematik in Berlin

Hunderte Hooligans des BFC Dynamo stürmten am Wochenende nach dem Pokalspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern den Gästeblock. Ob es dazu der vorherigen Provokationen von FCK-Fans gebraucht hätte, sei einmal dahingestellt. In jedem Fall wurden 27 Personen vorübergehend festgenommen, 18 Polizisten bei dem Einsatz verletzt – die Zahl verletzter Fans ist uns nicht bekannt.

“Da kommen ein paar Idioten und tun genau das, was alle befürchtet haben.”

Heiko Bonan, Trainer BFC Dynamo, mit branchenüblicher Erklärung

Nach Angaben der Polizei hatte der Ordnungsdienst des BFC entgegen der Abmachung ein Tor geöffnet, durch das etwa 250 bis 300 Randalierer vordringen und die Attacke starten konnten. Anschließend wurde die Absperrung wieder geschlossen, so dass die Sicherheitskräfte nicht unmittelbar einschreiten konnten. Dadurch sei der Verlauf der Ausschreitungen begünstigt worden. Der Ordnungsdienst habe diese Einschätzung inzwischen bestätigt.

Bereits während des Spiels waren einige Knallkörper und Rauchbomben gezündet worden. In der Schlussphase hatte Schiedsrichter Babak Rafati daraufhin die Partie zwischenzeitlich für zwei Minuten unterbrochen.

“Wir wollen zeigen: Wir sind ein Verein, der weltanschaulich und politisch neutral ist. Wir müssen ganz klar ein Zeichen setzen und sagen: So nicht.”

Martin Richter, Vereinssprecher BFC Dynamo, im Juni

Der Verein hat verkündet, Strafanzeige gegen die Krawallmacher zu stellen und im Fall einer zu erwartenden Geldstrafe durch den DFB zivilrechtliche Schritte einleiten zu wollen. Bereits im Juni hatten sich Verantwortliche des DDR-Rekordmeisters öffentlich von rechtsextremen und gewaltbereiten Fans distanziert. Anlass war die Festnahme von zwölf BFC-Anhängern, die vor dem Berliner Pokalendspiel in einer Straßenbahn rechte Parolen skandiert hatten. Damals hieß es, das Aussprechen von Stadionverboten sei eine Möglichkeit – im konkreten Fall müssten die Hintergründe aber erst geprüft werden.

Problematik in München

Im Umfeld der A-Juniorenpartie 1860 München – FC Bayern Ende Mai lieferten sich rivalisierende Fangruppierungen Schlägereien im Bereich des Stadions an der Grünwalder Straße. Die Polizei setzte bei ihrem Einsatz u. a. Schlagstöcke ein, um die Gewalttäter zu trennen. Es soll sich dabei um Mitglieder der Ultra-Gruppen Cosa Nostra (1860) und Schickeria (FCB) gehandelt haben. 91 Personen wurden von der Polizei vorübergehend in Gewahrsam genommen. Schon beim Hinspiel war es zu Auseinanderstezungen gekommen.

“Das ist Wahnsinn, dass sowas bei einem Jugendspiel passiert.”

Jürgen Jung, Nachwuchschef der Löwen

Etwa 40 Personen aus der Szene des besagten FCB-Fanclubs waren auch an einer – vermutlich verabredeten – Schlägerei mit Anhängern des 1.FC Nürnberg am Rande des Testspiels gegen Rácing Santander im Juli beteiligt. Für den Einsatz im Bereich des Isaraustadions in Geretsried wurde eine Hundertschaft aus München hinzugezogen, da sich die lokale Polizei gegenüber den Randalierern in Unterzahl befand. Zur Sicherung der abreisenden Zuschauer und Mannschaften bzw. zur Ergreifung flüchtiger Gewalttäter wurden Straßen gesperrt, dazu kamen ein Hubschrauber sowie mehrere Hundestaffeln zum Einsatz.

Bei Spielen der Klubs an der Grünwalder Straße kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen, die es wohl in dieser Form im Bereich der für solche Spiele überdimensionierten “Allianz Arena” nicht geben würde. Zweite Mannschaften und Juniorenteams beider Lokalrivalen tragen ihre Spiele in der veralteten Arena in Giesing, dem klassischen Viertel der Sechziger, aus. Dafür bietet das Stadion in Fröttmaning bei Heimspielen der Ersten Herren des TSV 1860 offenbar so viel Freiraum, dass sich mittlerweile etwa im Block 132 regelmäßig “bis zu 100 Rechtsextreme und stadtbekannte Neonazis” einfinden. Dies teilte die Fangruppe “Löwen-Fans gegen Rechts” mit.

Weitere Vorfälle (I)

Fans des SC Preußen Münster lieferten sich am 28. Mai auf der Rückfahrt vom Spiel in Kaiserslautern am Bahnhof Köln-Mülheim eine – offenbar verabredete – Schlägerei. Laut Polizeiangaben hatten sich die etwa 100 Münsteraner kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof plötzlich vermummt und bewaffnet, während auf dem Bahnsteig etwa 30 gewaltbereite Kölner schon warteten.

Bei den folgenden Auseinandersetzungen wurden fünf Personen verletzt, Scheiben und Inventar einiger Waggons wurden beschädigt. Der Bahnverkehr auf der Strecke wurde für 45 Minuten unterbrochen, ein Großaufgebot Polizisten hinzugezogen. Den Gewalttätern drohen nicht nur strafrechtliche Konsequenzen, sondern auch Schadensersatzsprüche der Deutschen Bahn.

Weitere Vorfälle (II)

Das Oberligaspiel zwischen dem FSV Zwickau und Borea Dresden am 29. Mai wurde abgebrochen, nachdem FSV-Anhänger das Spielfeld gestürmt hatten. Zunächst hatten sich einige Fans Zutritt zu einem gesperrten Block verschafft, waren dort aber von der Polizei vertrieben worden. Daraufhin überwanden sie Sicherheitszäune, liefen auf den Platz und sorgten für eine zwischenzeitige Unterbrechung der Partie. Nachdem sich die Situation im weiteren Verlauf nicht wesentlich entschärfen ließ, brach der Unparteiische das Spiel ab.

Das Westsachsenstadion befindet sich derzeit im Umbau und soll bis 2014 zu einer Fußballarena mit 10.000 Zuschauer Fassungsvermögen umgebaut werden. Die Maßnahme ist einigen Fans, die den Erhalt der legendären “Halde” lieber sähen, offenbar ein Dorn im Auge. Das Video liefert einmal mehr den Beweis, wie gestört das Verhältnis zwischen Polizei und Fans ist.

“Das ist natürlich eine sehr hohe Strafe. Aber es soll ja auch eine Strafe sein, das ist kein Kindergeburtstag. Und der Verein soll seine Lehren daraus ziehen. Wir haben versucht, eine angemessene Strafe zu finden, tat- und unrechtsangemessen. Und das ist uns, glaube ich, auch gelungen.”

Stephan Oberholz, Vorsitzender NOFV-Sportgericht

Das Spiel wurde mit 0:2 gegen Zwickau gewertet, dazu kommt eine Geldstrafe in Höhe von 3.000 Euro und ein Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Im Wiederholungsfall droht den Sachsen sogar ein Punktabzug. Auch in diesem Fall behielt sich der Verein Maßnahmen und rechtliche Schritte gegen Beteiligte vor.

Weitere Vorfälle (III)

Beim Oberligaspiel TSG Neustrelitz – Brandenburger SC Süd 05 soll es zu Ausschreitungen gekommen sein. Dem – anscheinend nicht ganz neutralen – Spielbericht ist allerdings nur zu entnehmen, dass die Gästefans während der Partie Pyrotechnik einsetzten und Polonaise tanzten.

“Mindestens ein Polizist soll verletzt worden sein. Gäste-Anhänger hatten einen Streifenwagen der Polizei attackiert und nach der Partie das Spielfeld gestürmt.”

handelsblatt.com zitiert eine SID-Meldung

Gegen 12 Personen seien Ermittlungen eingeleitet worden. Zu den Vorfällen Gojko Leinweber von der TSG-Geschäfststelle: “Die Polizei setzte Hunde ein und hatte schnell alles im Griff.”

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