Von Lösungskommissionen, Geschenken, Opernsängern, Verschwörungen, dem FBI usw.

FIFA-Krise: Die Verarschung geht weiter

(Mit Aufruf zum Widerstand – jawohl!)

Affären International


Kaum ist die “Wahl” zum FIFA-Präsidenten durchgezogen, scheint schon wieder der Alltag in die Fußballwelt einzukehren. Dabei geht die Geschichte um angebliche Korruption und deren Aufklärung in die nächste Runde – und changiert dabei zwischen Mafia-Epos, absurdem Theater und totalem Klamauk.

Spiel auf Zeit – und mit Strohmännern

Der alte und neue Präsident hatte unmittelbar nach der Bestätigung im Amt den Blick nach vorn gerichtet. Die verdächtige Vergabe der WM 2022 nach Katar wolle der Schweizer erst untersuchen lassen, wenn die zuständigen FIFA-Gremien dazu Anlass sähen. Zunächst einmal aber brachte Blatter konkret eine weitere Kommission ins Spiel – nämlich die bereits vor der Wahl aufgrund der unappetitlichen Vorgänge und Gerüchte von ihm selbst angekündigte FIFA-externe Gruppe.

Wenn Blatter wirklich super Vorschläge gemacht hätte, könnte ich das ja noch verstehen. Aber alles, was Blatter da geäußert hat, war in meinen Augen Alibi oder sogar lächerlich. (…) Alleine der Vorschlag Placido Domingo als Berater für das neue “Lösungskomitee der Fifa” heranzuziehen. Der kann uns sicher etwas vorsingen und das ist dann ein Kunstgenuss. Aber was qualifiziert ihn dazu, das zu machen, was jetzt an hochprofessioneller Arbeit bei der Fifa nötig ist? Auch die weiteren Komitee-Mitglieder Johan Cruyff, Pelé – die können Fußball spielen oder auch noch Trainer sein. Aber in den notwendigen Fragen haben sie sich doch überhaupt nicht betätigt.

Sylvia Schenk, Vorstand bei Transparency International, bei Spiegel Online

Das offenbar als “Lösungskommission” bezeichnete Gremium wurde vom Chef des Weltverbands bereits selbst mit Namen in Verbindung gebracht: so war von Pelé und Franz Beckenbauer die Rede, aber auch vom greisen ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger (88) oder von – Achtung, jetzt wird ernst gemacht! – Louis Freeh, von 1993 bis 2001 Chef des FBI. Und natürlich nicht zu vergessen, kein Scherz: Startenor Plácido Domingo.

Und damit keiner von denen auf den abwegigen Gedanken komme, wirklich Einfluss nehmen zu können, beurteilte Blatter die von ihm ausgewählten Herrschaften schon mal gleich als Marionetten.

“Diese Gentlemen sind mehr oder weniger Berater – keine Experten, aber Ratgeber.”

Joseph S. Blatter, FIFA-Präsident, zur Besetzungsliste der “Lösungskommission

Deutlicher kann man wohl kaum zum Ausdruck bringen, wie wenig Einfluss die von der FIFA unabhängige Kommission wirklich haben soll. Das heißt: es bleibt alles beim Alten bei der FIFA und dem System Blatter.

Bin Hammam: Jetzt ermittelt auch das FBI!

Schmierenkomödie? Räuberpistole? Möglicherweise haben Blatters gute Beziehungen zu Freeh bzw. dem FBI jedenfalls dazu geführt, dass nun auch seitens der US-Behörde gegen den ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Mohammed Bin Hammam ermittelt wird. Vorwurf: der Katarer habe gegen das Geldwäschegesetz verstoßen – und zwar zusammen mit einem Staatsbürger von Puerto Rico, welches wiederum unter US-Bundesrecht steht. Durch dieses kleine, aber feine Detail erfährt Bin Hammam nun sogar noch eine Extra-Behandlung durch die “weltliche Justiz”, von der “normale” Sünder im Weltverband ja immer verschont bleiben.

Aber, bitte sehr: Blatters Herausforderer ist sicherlich auch nicht ohne Schuld und hätte es als eben solcher wissen müssen, dass man sich mit dem großen, alten Mann der FIFA nicht anlegen sollte. Und Bin Hammam wollte es halt allzu sehr wissen und büßt dafür wahrscheinlich bald in Guantánamo, wo ihm Plácido Domingo mit “Nessun dorma” aus den Lautsprechern so lange den Schlaf raubt, bis er endlich bereit ist zu gestehen. Denn das hat der vom Dienst vorläufig suspendierte Katarer bis heute nicht getan.

Geständnis zur rechten Zeit

An dieser Geschichte scheint nichts dem Zufall überlassen. Mit perfektem Timing etwa kam letzte Woche die Meldung in die Presse, dass FIFA-Funktionär Louis Giskus bestätigt habe, Geldumschläge und Sachgeschenke bei einem Treffen mit Bin Hammam erhalten zu haben. Er habe sich zunächst nichts dabei gedacht, weil FIFA-Funktionäre öfter zu solchen Anlässen beschenkt würden – die insgesamt 40.000 US-Dollar, ein Laptop und ein Projektor seien nach der Wahlkampfrede Bin Hammams vor der Karibischen Fußball-Union (CFU) an ihn übergeben worden, ohne dass ein konkreter Absender genannt worden sei.

Als Giskus von der Suspendierung Bin Hammams sowie des CONCACAF-Präsidenten Jack Warner erfuhr, habe er die FIFA-Ethikkommission von dem Geldgeschenk in Kenntnis gesetzt. Womit sich die Schlinge um den Hals von Mohammed Bin Hammam zugezogen haben dürfte – zumindest in den Augen der Ethikkommission.

Hat auch Warner ausgezockt…

Ist das schon das Ende von der Geschichte? Nein, wahrscheinlich nicht. Denn nun warten wir noch darauf, was aus dem ebenfalls suspendierten Jack Warner wird – dieser schillernden Persönlichkeit, die in diesem Ränkespiel eine undurchsichtige Rolle spielt – oder, besser, zu spielen scheint. Der Präsident der Konföderation von Nord- und Zentralamerika und der Karibik (CONCACAF) ist Herr über 40 Wählerstimmen. Allein in seinem Heimatverband CFU kommen 30 zusammen – von den U. S. Virgin Islands über Montserrat bis hin zu den Turks and Caicos Islands.

Diese hatte der Mann aus Trinidad und Tobago bislang immer Joseph S. Blatter treu versprochen. Dafür durfte Warner offenbar eigenen Geschäften nachgehen, zumindest so lange, bis er es übertrieb und quasi seinetwegen überhaupt erst vom FIFA-Boss die Ethikkommission ins Leben gerufen wurde bzw. werden musste. Verurteilt wurde er damals noch nicht, da es eine Gesetzgebung für derartige Verfehlungen ja noch nicht gegeben hatte und es rückwirkend nicht möglich war. Also wurstelte Warner weiter, mit dem Segen von ganz oben und quasi mit der Immunität eines Diplomaten.

… oder war er etwa Teil des Blatter-Spiels?

Eigentlich für beide Seiten eine Situation, an der es nichts zu ändern gab. Um so erstaunlicher, dass Warner nun beim Stimmenkauf durch Bin Hammam involviert gewesen sein und sich damit gegen Blatter gestellt haben soll. Ein gewaltiges, publizistisches Feuerwerk brannte er dabei ab, als er nach seiner Suspendierung von einem “Fußball-Tsunami” sprach, den er mit seinen Enthüllungen auslösen wollte. Freilich: auf diese wartete man vergeblich. Und nicht nur das: nach der Suspendierung Bin Hammams machte er gar einen Rückzieher und forderte alle die ihm unterstehenden Mitgliedsverbände auf, für den Amtsinhaber zu stimmen – wodurch mancher Beobachter schon an Warners Geistesverfassung zweifelte.

Doch hier ist alles einfach stimmig, denn inzwischen – also nach der Wiederwahl Blatters – hat sich der CONCACAF-Chef a. D. auch noch dazu entschieden, nicht gegen seinen Vorgesetzten als Kronzeuge aufzutreten. Juristische Gründe soll er dafür benannt haben, dass er seinen privaten Mailverkehr plötzlich nicht mehr offenlegen werde. Womit des Schweizers Position innerhalb der FIFA auf wundersame Weise wieder wie zementiert wirkt – und sich für Warner möglicherweise ein Hintertürchen beim Weltverband geöffnet hat.

Mehr als graue Theorie

Nein, all das wirkt wie ein fast schon genial abgekartetes Spiel, bei dem zwei Freunde der Macht einen dritten gemeinsam aus dem Weg geräumt haben. Warner könnte, wie press-schlag.de bereits Ende Mai an dieser Stelle schon einmal behauptet hat, Bin Hammam mit dem im vermeintlich gemeinsamen Einverständnis durchgeführten Stimmenkauf in der Karibik in die Falle gelockt und damit den Weg für die Wiederwahl des in Schwierigkeiten befindlichen Blatter geebnet haben.

“Übrigens muss eine Suspendierung kein Ende der Karriere im Weltverband bedeuten. So könnte es sogar sein, dass Warner (…) Bin Hammam bei dem betreffenden Kongress quasi aufs Glatteis geführt hat. So könnte der Mann aus Trinidad & Tobago nicht zum ersten mal seine Wiederauferstehung bei der FIFA erleben.

press-schlag.de am 30.05.2011

Dabei wäre Warner für den Schweizer der ideale Partner und Lockvogel gewesen – schlecht beleumundet genug etwa, um den machthungrigen Bin Hammam davon zu überzeugen, dass er für Geld sogar seinem Intimus Blatter die Gefolgschaft aufkündigen könnte. Und damit wäre die Falle schon zugeschnappt. Eine Verschwörungstheorie, sicherlich – aber eine, die dem Weltverband und ihrem Chef durchaus zu Gesicht stehen würde.

Fazit

Darum lasst uns voerst noch abwarten, was aus der Affäre wird. Bin Hammam dürfte diesmal keine Gnade erfahren und aus der FIFA herausfliegen. Sollte aber Warner – aus welchen Gründen auch immer – frei gesprochen werden oder mit einer kleinen Sanktion davonkommen, dann liegt der Fall doch wohl mehr als klar auf der Hand. Da kann ein spanischer Tenor noch so viele Bedenken äußern, wie er will – als “Ratgeber” bei einer Organisation vergleichbar der der “Freunde der Italienischen Oper”

p. s.

Immerhin sorgen die Negativschlagzeilen der FIFA bei einigen Sponsoren für ein bisschen Unruhe. Der Konzern Coca Cola (”beunruhigend und schlecht für den Sport”) etwa zeigte sich besorgt über die Vorgänge.

“Der negative Tenor der öffentlichen Debatte um die FIFA ist weder gut für das Image des Fußballs, noch der FIFA und seiner Partner.”

Aus einer Erklärung der Firma Adidas, Hauptsponsor der FIFA, von Ende Mai

Beide Sponsoren erklärten aber im selben Atemzug, an der “langjährigen und erfolgreichen Partnerschaft” festhalten zu wollen. Mal sehen, wie lange sie stillhalten, denn auf diese Weise wären die verkrusteten Strukturen des Weltverbands wohl am ehesten zu sprengen: durch den Rückzug der Großpartner.

Allerdings wird man darauf realistisch betrachtet lange warten können. Deshalb kann eigentlich nur die Basis des Sports, die Fußballfans weltweit, den verkommenen FIFA-Kosmos zum Einsturz bringen. Auch wenn es auf dieser bescheidenen Seite absurd wirken mag, geht der Aufruf an alle Fans: Widerstand jetzt! Wir sind viele! Gemeinsam gegen Blatter und die Strukturen der FIFA!

Selbst vorsichtige Kritiker des Weltverbands haben inzwischen unverhohlen die Schnauze voll:

… das ekelhaft wirkende Gehabe von einer Reihe der höchsten Fußball-Repräsentanten weltweit, für die sich jeder, der diesen Sport schätzt, schämen müsste. Noch weiß niemand letztendlich, welcher der Funktionäre in der FIFA bestochen hat oder bestechlich ist. Und wieviele Menschen zu diesem Moloch an Verwerftheit gehören. Doch die Indizien häufen sich, dass bei der Vergabe der Weltmeisterschaften (und darüber hinaus?) eine nicht unmaßgebliche Zahl von Beteiligten die Hand aufgehalten haben, in die wiederum andere reichlich Gaben drückten.

Rainer Holzschuh, Herausgeber des Kicker, im Scheinwerfer vom 6. Juni

Demonstriert! Boykottiert!! Unterschreibt!!! So kann man sich einfach länger nicht mehr verarschen lassen…

Eine Antwort zu “Von Lösungskommissionen, Geschenken, Opernsängern, Verschwörungen, dem FBI usw.”

  1. Was ist das? sagt:

    [...] Mün­chen. Unter allen rich­ti­gen Ein­sen­dun­gen wer­den 10 Auto­gramm­kar­ten von Plá­cido Dom­ingo ver­lost. Tweet Veröffentlicht in [...]

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