Polen: “Hooligan-Krieg” mit politischen Dimensionen

Fangewalt: So ist Polen schon verloren

Radikalismus, Randale, Rassismus, Rowdytum

Die polnische Regierung geht mit aktionistischer Härte gegen Hooligans vor, während die Opposition in den Gewaltbereiten kein unmittelbares Übel erkennen will. Kriegt man so die Problematik der Fangewalt im Land in den Griff?

Anti-Terroreinsatz

Nach den Ausschreitungen beim polnischen Pokalfinale – in Anwesenheit von Politikern und Vertretern der UEFA – wollte die Regierung von Premierminister Donald Tusk offenbar demonstrieren, wie sehr sie gewillt ist, die Problematik anzugehen. Vergangene Woche stürmten Anti-Terroreinheiten Dutzende Wohnungen in Warschau, Poznan, Gniezno oder Pila und nahmen 26 Personen fest. Sie sollen maßgeblich an den Krawallen beim Endspiel zwischen Legia Warschau und Lech Poznan in Bydgoszcz beteiligt gewesen sein.

“Die Polizei hat Angst vor den Hooligans.”

Polens Fußball-Legende Grzegorz Lato, heute Präsident des PZPN

Von “Hooligan-Krieg” war da die Rede – dem der Gewaltbereiten untereinander und dem der Regierung gegen eben diese. Und Tusk warnte, wenn man ab sofort die Sicherheit in Polens Stadien nicht garantieren könne, dann sei die Austragung der EURO 2012 akut gefährdet.

Krawallos – oder Kritiker?

Allein, so einfach ist das nicht mit dem “Hooligan-Krieg” in Polen. Die Auseinandersetzung hat nämlich auch eine politische Komponente. In der polnischen Hooliganszene gilt Premier Tusk als Hassfigur, darum werden die radikalen Fans auch von der Opposition wie etwa der nationalkonservativen Partei PiS nicht unbedingt als Übel begriffen. Jaroslaw Kaczynski kritisierte etwa die gegen Legia und Lech ausgesprochenen Geisterspiele.

“Hier werden Sportfeste liquidiert, weil die Öffentlichkeit dort Kritik an der Staatsmacht äußert.”

Jaroslaw Kaczynski (PiS), Ex Premierminister Polens

Und das-polen-magazin.de berichtet: “Die der Partei PiS von Jaroslaw Kaczynski nahestehende Wochenzeitung Gazeta Polska schrieb, Fußballfans würden patriotische Werte weitertragen und eine eigene Bürgergesellschaft erschaffen.”

Ein (un)schönes Beispiel

In der TV-Sendung der Gazeta Polska durfte der bekannte Legia-Fan Piotr Staruchowicz offenbar Stellung zum Zuschauerausschluss beziehen (”sso gut is unsa Polnisch ah wieda net…”). Der in der Szene als “Staruch” (”der Alte”) bekannte Mann war unlängst durch eine ungeahndete Attacke auf einen Spieler seiner Mannschaft aufgefallen.

Dann erhielt Staruchowicz laut spiegel.de auf Bitten der Polizei vom polnischen Verband PZPN – als Deeskalationsmaßnahme – eine Eintrittskarte für das Pokalfinale, wo er an den Ausschreitungen beteiligt war. Er gehörte auch zu den Festgenommenen bei der Razzia, ist aber offenbar wieder auf freiem Fuß.

Unheilige Allianz

Die Hooliganszene Polens steht also nicht für sich alleine da, sondern ist “eine hoch explosive Verbindung mit Rechtsradikalen und organisierten Kriminellen eingegangen” (spiegel.de).

“Auf den Tribünen werden kriminelle Geschäfte abgewickelt. In den Stadien werben verbrecherische Organisationen neue Mitglieder an. Es geht um Handel mit Drogen, illegal gebranntem Alkohol und gestohlenen Autos.”

Polizeisprecher Marek Sokolowski

Selbst von der parlamentarischen Rechten wie der PiS wird sie nicht geächtet. So wird die Regierung Tusk – selbst mit angedrohten, umstrittenen Maßnahmen wie dem Einsatz von Fußfesseln, öffentlichen Schnellgerichten oder gar der Absage der kommenden Saison der “Ekstraklasa” – des Problems nicht Herr werden.

Polit-Projekt EM

So gilt ein Hauptaugenmerk der politischen Führung jetzt auch dem Prestigeprojekt EURO 2012. Der Rahmen dieser internationalen Veranstaltung soll auf keinen Fall durch Fan-Gewalt gestört werden. “In jedem Fall”, so die Badische Zeitung, “soll es im Sommer 2012 wieder Passkontrollen auch an Polens EU-Grenzen geben, um einen Zusammenstoß internationaler Hooligan-Banden zu verhindern.”

Europas Fußballfest in Polen nächstes Jahr – ein Hauch von Dänemark…

Der dem Beitrag zu Grunde liegende Artikel findet sich auf spiegel.de

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