Das Phantom der Fußballstadien

Der unsichtbare Diego

Fußball-Affären Deutschland

Bislang wurde Diego nur von den Schiedsrichtern übersehen, jetzt aber erweist sich auch die Disziplinarkommission des DFB als blind im Bezug auf den Brasilianer.

Diego und der DFB: Gegen jede Regel

Im Spiel gegen Eintracht Frankfurt am vergangenen Wochenende hatte Diego dem Gegenspieler Patrick Ochs kurz vor Schluss ganz offenbar absichtlich in die Ferse getreten. Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer ließ die Aktion unbestraft und erklärte nach dem Spiel, das Foul nicht gesehen zu haben. Eine Voraussetzung für ein Ermittlungsverfahren gegen den Wolfsburger – hätte der Schiri die Unsportlichkeit gesehen, aber nicht als strafwürdig beurteilt, wäre kein Prozess in die Wege geleitet worden.

Doch dann die überraschende Kehrtwende des DFB-Kontrollausschusses:

“Nach der Stellungnahme von Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer, der Auswertung der Mitschnitte zweier Fernsehsender sowie den Stellungnahmen des Spielers Diego und des VfL Wolfsburg geht der DFB-Kontrollausschuss davon aus, dass der Schiedsrichter eine in sportgerichtlichen Verfahren nicht mehr angreifbare Tatsachenentscheidung getroffen hat.”
Anton Nachreiner, Vorsitzender DFB-Kontrollausschuss

Was Diego bzw. der VfL zu dem Vorfall zu sagen hatten, kann man sich vorstellen. Nähere Angaben zum Statement des Schiedsrichters wurden nicht gemacht – wäre interessant gewesen zu wissen, was er nun anderes zu sagen gehabt hätte.

Im Gegensatz zu Kinhöfers erster Stellungnahme aber ermittelte der DFB aus den Videomitschnitten, dass die Situation in seinem Sichtfeld geschehen sei, er sie aber nicht wahrgenommen habe. Kurios: der Verband erklärt dem Unparteiischen den wahren Sachverhalt des Vorgangs – und das bei der sonst nibelungenhaften Schiri-Treue des DFB. Bezüglich seiner Erstaussage müsste sich Kinhöfer nach dem Urteil eigentlich gefragt haben: Was für eine Entscheidung? Welche Tatsache?

“Diego ist eine kleine Drecksau. Er tritt mir in die Ferse.”
Bloß neidisch: Patrick Ochs (Eintracht Frankfurt)

Der Beteiligte Frankfurter Ochs wurde anscheinend nicht gehört oder seine Aussage war nicht ausschlaggebend. Ganz anders also bei Diegos Tritt gegen Arturo Vidal (siehe unten), als der Leverkusener in der Hinrunde Diego vor dem Kontrollausschuss maßgeblich entlasten durfte. Vielleicht war Ochs’ Aussage ja auch einfach zu unflätig – ein Fall für den DFB-Ermittlungsausschuss also…

Camouflage-Künstler

Vor allem in der Hinrunde dieser Saison hat Diego eine beeindruckende Bilanz ungestrafter Unsportlichkeiten vorzuweisen. Wir möchten diese im Folgenden kurz auflisten, verbunden mit der jeweiligen Schiedsrichter-Bewertung aus dem Kicker.

3. Spieltag: Borussia Dortmund – VfL Wolfsburg
“Deniz Aytekin (Oberasbach), Note 5 -
hätte Diegos Tritt gegen Kehl als Tätlichkeit werten und mit Platzverweis bestrafen müssen (45.).”

“Er tritt nach. Ich habe es ihm gesagt und er hat gelacht. Er wusste, dass er Glück hatte.”
Keinen Sinn für Humor: Sebastian Kehl, Borussia Dortmund


4. Spieltag: VfL Wolfsburg – Hannover 96

“Wolfgang Stark (Ergolding), Note 5 -
lag bei zwei von drei kniffligen Situationen falsch: Diego zeigte dem Schiedsrichter den Vogel (4.) und hätte für diese beleidigende Geste ebenso zwingend Rot sehen müssen wie Djakpa (Tritt gegen Diego, 58.).”
Da hat wohl selbst der Hannoveraner den Brasilianer nicht wahrgenommen – kein Wunder, hatte die Bild kurz vorher doch zusätzlich registriert: “Diego darf bleiben und sorgt für Aufreger zwei. Kurz nach dem Wechsel grätscht er Rausch seitlich von hinten um. Stark pfeift, zeigt aber keine Karte.” Kurz darauf darf er den Führungstreffer erzielen, zu dem der Kicker zumindest so Stellung bezieht: “Vertretbar war, bei Diegos Fallrückziehertor weder auf Foul gegen Pinto noch auf gefährliches Spiel gegen Avevor zu entscheiden.”

Eine doppelt fragwürdige Situation ohne Pfiff, dazu die ungeahndeten Vorstrafen in diesem Spiel – sicherlich Diegos Meisterstück diese Saison.

7. Spieltag: Borussia Mönchengladbach – VfL Wolfsburg
“Christian Dingert (Thallichtenberg), Note 5 -
ganz gravierender Fehler, als er vor dem 0:1 nicht Diegos Fallrückzieher am Mann gegen Levels ahndete, obwohl er freie Sicht hatte (…)”

8. Spieltag: VfL Wolfsburg – Bayer Leverkusen
“Thorsten Kinhöfer (Herne), Note 4 -
(…) Allerdings hätte Diego für sein Nachtreten gegen Vidal Rot sehen müssen (76.)”.
Schon damals hat der FIFA-Referee also nichts gesehen, gar keine Karte für Diego.

11. Spieltag: Eintracht Frankfurt – VfL Wolfsburg
“Peter Sippel (München), Note 4 -
übersah das Handspiel von Diego vor dessen Pfostenschuss (35.)”.

Selbst im Zweitrundenspiel des DFB-Pokals bei Victoria Hamburg bekam der kleine Tarnkappen-Tret… äh – Trickser “seinen” Vermerk: “Christian Leicher (Weihmichl), Note 2,5 – guter Leiter in einer Partie ohne Nickligkeiten, scheute sich aber, Diego für seine Schwalbe gegen Theißen Gelb zu zeigen (28.).”

Dann aber die Formkrise: kein Eintrag für Diego, eine halbe Saison lang. Bis zum Rückspiel in Frankfurt: “Thorsten Kinhöfer (Herne), Note 6 – (…) Zudem hätte Diego nach einem Tritt in die Ferse von Ochs Rot sehen müssen (81.).”

Doch auch dieses jüngste Ermittlungsverfahren übersteht das Wolfsburger Stehaufmännchen ungeschoren – diesmal sogar, indem das DFB-Organ seinen Schiedsrichter überstimmt. Ein wahres Wunder, das der kleine Zauberer da wieder mal vollbracht hat.

Vielleicht haben die Herren vom Fußballbund sich von VfL-Vertretern ja dieses youtube-Video vorführen und dadurch – obwohl es ja kein Schäferhund ist – erweichen lassen. Übrigens: wer dieser Tage – u. a. wie wir selbst – gemeint hat, Diego sei doch früher nicht so gewesen, kann sich mal diesen Ausschnitt vom Dezember 2008 aus seiner Zeit bei Werder Bremen ansehen. Der Würgegriff wurde, wenn diese Anmerkung noch nötig ist, nicht geahndet…

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