Nr.5!

Radikalismus, Randale, Rassismus

Während sich im Internet keine tiefgreifenden neuen Erkenntnisse über den Fall des Aston-Villa-Fans Christopher Paul Priest finden lassen (press-schlag.de berichtete, s. “Nr.5?”), wurde inzwischen gemeldet, dass bereits im Februar in Kolumbien der 18-jährige Julián Esteban Giraldo Quiroz Opfer der Feindschaft zweier Klubs aus Medellín geworden ist. Er ist damit im Jahr 2008 das fünfte publik gewordene Todesopfer in Zusammenhang mit Gewalt im Weltfußball – mindestens.

Nichts Neues

Der im Fall Priest in Birmingham festgenommene 20-jährige Tatverdächtige ist inzwischen ebenso gegen Kaution wieder auf freien Fuß gesetzt worden wie zwei weitere Männer aus der Grafschaft Kent bei London, die in Zusammenhang mit dem selben Vorfall überprüft worden waren. Es ist also offenbar weiterhin unklar, ob Priest Opfer von Fan-Gewalt wurde oder nicht.

Mord in Medellín

Im Mordfall Giraldo – er war am 9. Februar durch sieben Messerstiche im westlichen Medelliner Stadtteil Belén Las Mercedes getötet worden – sind Ende April 10 Anhänger des Klubs Deportivo Independiente festgenommen worden. Das Opfer war Fan des Lokalrivalen Atlético Nacional, die Tatverdächtigen gehören zu der Independiente-Fangruppe “Los Sanguinarios” (sanguinario: blutdürstig, rachsüchtig – Quelle: Langenscheidt Taschenwörterbuch Spanisch)

Wie die Tageszeitung El Tiempo berichtet, ermittelt die Polizei von Medellín aber auch noch in einem weiteren Todesfall: dieses Mal soll ein DIM-Anhänger Opfer von Nacional-Fans geworden sein. “Die Auslöser dieser Taten sind immer dieselben: ein Trikot, eine Fahne oder eine Bemerkung über den gegnerischen Klub”, weiß Medellíns Polizeichef Marco Antonio Pedreros.

Bilanz der Gewalt

Auch Ausschreitungen und ein Spielabbruch wurden zuletzt im kolumbianischen Fußball registriert. Gerade erst kam es zur Festnahme von 23 Nacional-Fans wegen Sachbeschädigung und Schlägereien mit Anhängern von América aus Cali.

Ersatztorhüter José Ramiro Sanchez vom Verein Santa Fé erlitt Schnittverletzungen im Gesicht und an den Händen, als der Mannschaftsbus des Tabellenführers nach der Partie am 26. April bei Los Millonarios vor den Toren des Stadions El Campín in der Hauptstadt Bogotá von Mitgliedern der Fangruppe “Comandos Azules” mit Steinen beworfen wurde. Am gleichen Tag gerieten bei der Partie Cúcuta Deportivo – Chicó auf der Südtribüne des Estadio General Santander Mitglieder eines Fanklubs der Heimelf untereinander in Streit. Das Rote Kreuz registrierte drei leicht Verletzte durch Messerstiche.

Bereits im März war das Stadtderby in Cali abgebrochen worden, nachdem in Folge einer strittigen Schiedsrichterentscheidung zunächst Spieler und Offizielle der Klubs América und Deportivo aufeinander losgegangen waren und damit den Funken auf die Ränge des Estadio Pascual Guerrero übertrugen.

Mitglieder des América-Fanklubs “Red Baron” griffen Deportivo-Fans an, Absperrungen im Stadion wurden niedergerissen und Feuerwerkskörper gezündet. Insgesamt wurden 83 Personen verletzt (darunter sechs Polizisten), davon 18 durch Messerstiche.

Versuch der Deeskalation

In Medellín treffen sich indes weiterhin wöchentlich Vertreter der Stadt mit dem “Komittee für Zusammenleben”, das von Offiziellen und Mitgliedern von Fangruppierungen der rivalisierenden Vereine gebildet wird, zum Runden Tisch. Bürgermeister Alonso Salazar kommentierte allerdings die jüngste Festnahme der zehn Mordverdächtigen im Fall Giraldo auch als Signal, dass das Entgegenkommen Grenzen hat: “Dies ist eine Botschaft für alle, die glauben, das Stadion sei ein Schlachtfeld.”

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