Neue Erkenntnisse, altes Schema

Radikalismus, Randale, Rassismus

Der Tod von Gabriele Sandri war nach neuesten Erkenntnissen wohl nicht das “tragische Unglück”, als das er zunächst dargestellt wurde. An der Gesamtsituation ändert das aber nichts.
Das Schema ist so alt wie die Menschheit: Partei A tötet ein Mitglied von Partie B, die sich daraufhin rächt, indem sie ein Mitglied von Partei A tötet. Das kann Partei A natürlich nicht hinnehmen und tötet zur Vergeltung ein weiteres Mitglied von Partie B. Die wiederum rächt sich, indem… Wir finden dieses Schema bei „Romeo und Julia“ von William Shakespeare genauso wie im wirklichen Leben, z.B. Israel und Palästina.

Immer fühlen sich beide Parteien im Recht und vielleicht sind sie es sogar. Die Konflikte sind so alt, dass man garnicht mehr weiß, wie alles angefangen hat. Gerade darum aber wird gestritten: um die Schuld.

Es sieht nun also so aus, als hätte die Polizei viel eindeutiger Schuld am Tod von Gabriele Sandri als bisher vermutet. Ermittlungen haben ergeben, dass der Ordnungshüter Luigi Spaccarotella den tödlichen Schuss von der anderen Seite der Autobahn mit ausgestreckten Armen abgegeben hat. Noch am Tage des Unglücks hatten offizielle Stellen von einem „tragischen Unglück“ gesprochen (siehe „Wieder ein Toter in Italien“). Nun droht Spaccarotella sogar eine Anklage wegen Totschlags. Dass er versucht haben soll, die Reifen des Autos zu treffen, macht die Sache nicht besser.

So wie gewaltbereite Hooligans diesen schlimmen Vorgang als Legitimation für Gewaltaktionen benutzten, so nutzen ihn Politiker und Polizei, um noch härtere Maßnahmen zu fordern. Sie stützten sich dabei auf eine Studie des Innenministeriums, nach der 63 Ultra-Organisationen mit 14 630 Mitgliedern in Verbindung mit rechtsextremen Kreisen aktiv sind. 35 Ultra-Gruppen mit 5275 Anhängern werden linksextremen Kreisen zugeordnet. Als besonders gefährlich wurden die Hooligans des SSC Neapel, von Hellas Verona und Salernitana Calcio eingestuft.

Mit dieser Einstellung werden natürlich alle Ultras in terroristische Nähe gerückt, was sicher genauso wenig stimmt, wie alle Polizisten schießwütige Büttel sind. Es zeigt nur die Fronten und Denkweisen in Italien auf. Und solange man sich nicht aus diesem Schema löst, wird es dort so weiter gehen.

„Hooligans raus, Kinder in die Kurve!“

Mit diesem Slogan will Atalanta Bergamo das Problem lösen. Präsident Ivan Ruggeri kündigte an, allen Minderjährigen die Eintrittskarten zu schenken, um nur noch Kinder in der Fan-Kurve zu haben. Liga -Chef Antonio Mattarese nannte Ruggeris Plan „vorbildlich“ und zeigte sich überzeugt, dass „er mit dieser Initiative nicht allein bleiben wird.“

Die Politik beschloss dagegen andere Maßnahmen: zukünftig werden bei den meisten Spielen der Serie A Gästekurven geschlossen und Auswärtsreisen unterbunden. Wer nicht über eine adäquate Zahl von Ordnern verfügt, muss ab dem 1. März des kommenden Jahres vor komplett leeren Rängen spielen. Im Gespräch sind außerdem ab der neuen Saison spezielle Fan-Ausweise zur schärferen Kontrolle im Stadionbereich. Ultras mit Stadionverbot könnte an Wochenenden Hausarrest oder der Einzug des Personalausweises drohen.

Keine Änderung

Es bleibt jedoch zu vermuten, dass sich an der Gesamtsituation nichts ändern wird. Den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, hat bisher noch nie Erfolg gehabt, wenn das Schema so erstarrt ist. Gewaltbereitschaft, bei Ultras wie bei der Polizei, ist ein psychologisches Problem und kann daher nicht mit Gesetzen bekämpft werden. Es gehört eine innere Einsicht bei allen Beteiligten dazu, die über das „Der ist aber mehr Schuld!“ hinausgeht. Wenn die Liebe zum Verein bzw. die „Liebe“ zur Ordnung im Staat dazu führt, dass man die Verantwortung für seine Handlungen abgibt, kann etwas nicht stimmen.

Bei „Romeo und Julia“, das ja bekanntlich in Italien spielt, kommen sie irgendwann zur Vernunft und brechen aus dem Vergeltungskreislauf aus (obwohl genug Gründe vorliegen, so weiterzumachen). Aber das ist ja nur Theater.

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