“Probiert das mal…!”

Affären Deutschland

Die Welle der Doping-Geständnisse, die im Radsport ihren Anfang nahm, schwappt nun in andere Sportarten und hat jetzt auch den Fußball erreicht. Der Ablauf ähnelt dabei leider dem des Radsports: Erste Aussagen werden abgeschwächt und die geständigen Sünder begrenzen die Zeit ihrer Einnahme von Aufputschmitteln exakt so, dass die Fälle der Verjährung unterliegen.

“Gang und gäbe”

Peter Neururer, zur Zeit arbeitsloser Fußballtrainer, hat alles ins Rollen gebracht. Mit seiner Aussage, früher, z. B. während seiner Zeit als Trainer beim damaligen Zweitligisten Schalke 04 (1989/90), sei Doping gang und gäbe gewesen, sorgte er für große Aufregung. Bis zu 50% der Spieler hätten Captagon, ein Aufputschmittel, genommen: “Es ist mir bekannt, dass früher Captagon genommen worden ist. Bis zu 50 Prozent haben das konsumiert. Nicht nur in der zweiten Liga. Auf Schalke habe ich das 1989/90 auch mitbekommen”, war Neururer in der “Sport Bild” zitiert worden.

Doping und Fußball, das war lange Zeit unvereinbar. Fußball sei als Sportart garnicht für Doping geeignet, so sagten die Experten. Wer etwas anderes behauptete, wie Nationaltorhüter Toni Schumacher 1987 in seinem Buch “Abpfiff”, wurde von der gesamten Branche abgestraft. Sein Verein 1. FC Köln kündigte seinen Vertrag, nach einem Jahr bei Schalke wechselte Schumacher entnervt ins Ausland.

Diese Konsequenzen mag Neururer bedacht haben, denn zwei Tage nach Erscheinen der “Sport Bild” ruderte er zurück: “Wenn das in dem Interview so steht, dann bin ich entweder falsch zitiert worden oder es ist eine unglückliche Vermischung meiner Aussage”, sagte Neururer den “Ruhr Nachrichten”. Interessanterweise belastete er nun Rot-Weiß Essen und Alemannia Aachen, bei denen er 1986 – 88 tätig war.

Auch die “Geständnisse” ehemaliger Aktiver wie Hans-Werner Moors und Benno Möhlmann unterliegen demselben Schema:

1. Die Vergehen liegen alle im Zeitraum vor 1988
2. Aktuelle Bundesligisten werden nicht belastet

Moors gestand dem Sport-Informationsdienst, er habe sich in seiner Zeit bei Preußen Münster zwei- oder dreimal überreden lassen und Captagon eingenommen, ohne zu wissen, welche Wirkung das Mittel habe. Von ganz offizieller Seite, darunter von Trainer Rudi Faßnacht, sei Captagon als Multivitaminpille angeboten worden: “Es hieß: ‚Probiert das mal, ihr braucht Vitamine.‘”

Benno Möhlmann bestätigte Moors‘ Aussagen: “Captagon war in den 70er Jahren Kabinen-Thema. Das wurde aber hauptsächlich von Spielern genommen, die nicht so gut waren oder mal die Nacht vor einem Spiel durchgemacht hatten.” (Also wohl doch 50 Prozent, da lag Neururer richtig.) Möhlmann spielte von 1974 –78 bei Münster in der zweiten Liga, ehe er zu Werder Bremen in die Bundesliga wechselte. Aber weder dort noch beim Hamburger SV, wo er von 1987-89 spielte, sei Captagon-Doping ein Thema gewesen, so Möhlmann: “Das war vorher.”

Also alles lange her und nur bei zweit- und drittklassigen Vereinen. Die Beichte Uwe Nesters, der 1979/80 acht Spiele für den Erstligisten Eintracht Braunschweig absolvierte und nun die Einnahme von Captagon gestand (die Schuld dafür aber Trainer Uli Maslo zuschob), wird nicht ernst genommen. Der Berliner “Kurier”: “Wichtigtuer.”

“Doc, gibt’s du mir mal eine Capi?”

Flächendeckend hat es Doping wohl nicht gegeben. Viele ehemalige Mitspieler (Jürgen Röber und Horst Hrubesch für Rot-Weiß Essen, Günter Delzepich für Alemannia Aachen) widersprechen den gemachten Aussagen. Es bleibt abzuwarten, wer sich in den nächsten Tagen noch so alles zu Wort meldet.

Der DFB hat übrigens Neururer gebeten, Fakten und Namen zu nennen. Auch der deutsche Olympia-Chefmediziner Wilfried Kindermann forderte den Fußballlehrer auf, seine Vorwürfe zu präzisieren.

Das könnte für Neururer noch unangenehm werden. Immerhin erhielt er Rückendeckung vom damaligen Mannschaftsarzt des FC St. Pauli, Peter Benckendorff, der dem “Hamburger Abendblatt” bestätigte, dass es beim Hamburger Kiez-Verein in den 80er Jahren zu Dopingverstößen gekommen sei. “Ein Spieler ist damals auf mich zugekommen und hat gefragt: Doc, gibst du mir mal eine Capi?”, erinnert sich Benckendorff. Er habe sich aber geweigert. Daraufhin habe der Kicker geschimpft: “Muss ich denn immer zu meinem Ex-Club fahren, um Captagon zu bekommen?”

Olympia-Arzt Kindermann jedenfalls ist sauer: “Pauschale Verdächtigungen bringen uns nicht weiter, wenn man nicht bereit ist Namen zu nennen.” Genau dies zu tun, Namen zu nennen, weigert sich auch Michael Krüger, ehemaliger Spieler von Arminia Hannover und heute im Trainergeschäft. Er will andere nicht belasten. Da hätte er von Hans-Werner Moors lernen können – der von ihm belastete Trainer Rudi Faßnacht hat nämlich einen für die Beteiligten entscheidenden Vorteil: er ist schon tot.

Eine Antwort zu ““Probiert das mal…!””

  1. Der Kollege sagt:

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